Tag Archives: horror

Neulich in Meiringen

Ich war gerade in Meiringen, folgte den Fussstapfen von Sherlock Holmes – zumindest tagsüber. Jetzt abends sass ich an dem Birkenholztisch in meinem Hotelzimmer, nippte Jack Daniels aus einem Plastikbecher und tippte jene Zeilen, als es plötzlich an meine Zimmertür klopfte.
Ich zuckte zusammen, legte die Stirn in Falten und trank noch einen Schluck – nur für den Fall der Fälle. An der Tür angekommen, versuchte ich energisch zu fragen: “Wer ist da?”, was mir jedoch nur halb gelang.
Es klopfte wieder – diesmal eindringlicher – und eine gebrochen klingende, weibliche Stimme drang durch das Holz: “Bitte… Sie müssen mir helfen! Bitte… Lassen sie mich rein.”
Verdutzt öffnete ich die Tür.
Sie stand, ein blutiges Messer in der Hand, zitternd dar, auch ihre weisse Bluse war blutbefleckt nur die schwarze Krawatte schien nichts abbekommen zu haben.
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Biss zum letzten Schluck

Blut rann meine Mundwinkel hinab. Ich genoss es wie einen drei-fachen Orgasmus. Meine Pupillen wurden Stecknadel klein, dann gross wie zehn Cent Stücke und meine Ohren waren erfüllt vom Rauschen des Blutes, während mein aktuelles Opfer, irgendeine Brünette, die ich vorhin in einer Bar kennen gelernt hatte, unter mir zuckte und um ihr erbärmliches Leben jammerte und schrie.
Ihre Schreie schickten ekstatische Wellen über meine Ohren durch meinen ganzen Körper, als stünde ich unter Strom.
Jeder Schluck, jedes Saugen schickte Blitze von Energie durch meine Muskeln. Es fühlte sich an, als würden sie bis zum zerbersten anschwillen und jeder weitere Schluck ließ mich um Dekaden jünger werden.
Ich fühlte mich grossartig, betäubt, wahnsinnig kraftvoll, wie der Herrscher der Welt und berauscht zugleich.
Ein Gefühl, das nur der Genuss der Essenz des Lebens zu offenbaren mag!
Ein weiterer Schluck ihres Blutes rann warm meine Kehle hinab.
Doch dennoch war da dieser Splitter in meinem Kopf.
Immer noch.
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Deal in der Wüste

Diesen Teil meines Jobs hasste ich. Ich meine das Warten in der Wüste.
Mir lief der Schweiß das Gesicht herunter und auch überall sonst, sogar von meinen Eiern tropfte es. Es war so gottverdammt heiß, dass ich das Gefühl hatte mir würde gleich das Gehirn aus der Nase laufen.
Ich blickte in den Sand sonst gab es hier außer ein paar Felsen und Kakteen nur verkümmerte Sträucher und sich in der Ferne verlierende Berge zu beobachten – abgesehen von einem Skorpion, der sich langsam in den Sand ein grub. Es wirkte wie eine sehr mühselige Beschäftigung, doch er konnte wenigstens etwas tun und kam seinem Ziel mit jedem Schaufelschlag ein wenig näher.
Nicht so wie ich.
Ich konnte nur warten und hoffen.
Habe ich schon erwähnt, dass ich diesen Teil meines Jobs hasste?
Zähneknirschend spülte ich den Gedanken mit einem halben Liter Wasser aus meinem Verstand und konzentrierte mich wieder auf den Skorpion.
Seine Arbeit schien er emotionslos zu verrichten – genau wie ich.
Die Hitze ließ die Luft flimmern wie die Übertragung eines beschissenen Fernsehprogramms aus dem letzten Jahrtausend, als sie noch analog gesendet hatten ohne Full HD und man eine Antenne brauchte und Regen den Empfang stören konnte. So was gab es heutzutage nur noch in Mexiko und wer weiß vielleicht in Europa.
Das Auto, das sich auf der entfernten Interstate näherte, schien einen flackernden Feuerschweif hinter sich her zu ziehen. Ein Komet, der irgendwo einschlagen würde.
Aber es war kein Maserati und darum mir scheiß egal.
Der Skorpion verschwand mit zuckendem Schwanz im Sand und ich hätte es ihm nur zu gern gleich getan. Continue reading Deal in der Wüste

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Doppelter Unfall

“Du hast sie gesehen?” fragt er ungläubig und wirft Dir einen Blick zu, als wärst Du nicht ganz richtig im Kopf. Deine Hände umklammern krampfhaft das Bierglas und zittern so stark, das einiges von dem Bier auf den hellen Holztisch schwappt.
“Erzähl weiter.”
Flehender Blick. Du bist den Tränen nahe.
“Dad, ich…”
Doch er lässt nicht locker.
“Deswegen bist du doch hergekommen. Also erzähl mir wann und wo.”
Du siehst zweifelnd zur Seite auf die Kommode. Der Fernseher flimmert tonlos irgendeine Abendsendung in den Raum, fängt Deinen Blick (Heile Welt.), bis Du Dich schließlich dazu zwingst ihm wieder ins Gesicht zu schauen. Er sieht mürrisch aus, nickt ruhig, kratzt sich durch den grauen Vollbart und mustert Dich eindringlich, während er seinen stämmigen Körper im Ledersessel zurück lehnt. Du trinkst noch einen großen Schluck Bier.
“Letzte Nacht. Ich… Ich bin irgendwann aufgewacht und hatte Durst. Ich bin die Treppe runter, durch den Flur und…“, eine erste Träne kullert Dir über die Wange, „Da saß sie im Dunkeln in der Küche. Am Küchentisch.”
Dein Vater lässt ein ungläubiges Brummen oder Knurren hören und Du fragst Dich für eine Sekunde, wie zum Henker Du auf die blöde Idee gekommen bist Dich ausgerechnet ihm anzuvertrauen. Er wird Dir doch wahrscheinlich eh nicht glauben. Trotzdem erzählst Du weiter, weil Du es jemandem erzählen musst, wenn Du nicht völlig durchdrehen willst.
“Sie saß am Küchentisch. Die Laterne vor dem Fenster… Die Jalousien waren nicht runter gelassen. Es war gerade hell genug, dass ich sie sehen konnte. Sie hatte irgendwas in den Händen und spielte damit rum. Was konnte ich nicht genau erkennen.“
(Es war ein Stein. Ein blauer Stein.)
„Und als ich in der Tür von der Küche stand da… Da…”
Nun kannst Du die Tränen doch nicht mehr zurück halten, schaust rasch auf den Boden, schluckst.
“Sie hat mich angesehen, Dad. Sie saß da und hat mich angesehen. Sie… hat gelächelt. Ihr süßes Lächeln. So wie früher. Als wäre nichts geschehen.”

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Wer stand denn da am Waldesrand?

Seufzend blättert sie die Seite ihres Buches um.
Eine weiße Seite mit keinerlei Inhalt.
Eine Seite, die ihr so leer erscheint wie der Rest ihres Lebens.
So leer und … sinnlos.
Wieder seufzend schmeißt sie das Buch achtlos hinter sich auf die Rückbank und schaltet in derselben Bewegung das Licht aus. Ein kalter Wind weht durch die herunter gelassenen Scheiben des Wagens und sie schließt wie aus Reflex die Fenster. Nur ein Knopfdruck (Sirrrrr) und schon fährt das harte Glas langsam nach oben und schneidet ihre Welt sauber von der Außenwelt ab. Sie könnte jetzt schreien, schreien so laut sie wollte und man würde sie kaum in dieser anderen Welt wahrnehmen, geschweige denn…
Ihr Kopf schreckt kurz hoch! Hat sich da draußen etwas bewegt?
Irgendein Vogel fliegt mit lauten Gezeter (ohne dass sie einen Laut davon hört) vorüber. Sie lacht. Wie dumm von ihr. “Es geht dir gut.”, summt die Klimaanlage und bläst automatisch lauwarme Luft ins Wageninnere.
(Alles in Ordnung.)
“Sowas blödes… Ich bekomme eine Gänsehaut und das wegen eines dummen Raben. Hab wohl zu viel Alfred Hitchcock gelesen in letzter Zeit.”
In ihren Gedanken rauscht kurz ein Fernseher in schwarz-weißem Schnee, ohne dass sie es wirklich wahrnimmt, bevor sich das Bild allmählich scharf stellt. In diesen Gedanken legt ihr Mann sanft seine Hand um ihr Haar, streichelt es… So wie er es früher andauernd getan hatte.
Liebkost sie und flüstert “Ich liebe dich, Darling!”. Alles scheint wunderschön. Ein gehauchtes Gefühl, das sanft in ihren Ohren kitzelt.
Sie packt sich mit der rechten Hand kurz an ein Ohrläppchen. Nur so eine dumme Angewohnheit vor ihr. Die Umgebung wird wärmer… und freundlicher. Es sind zwar nur Gedanken, doch sie fühlt sich sichtlich wohler. Ihre Finger greifen nun nach dem runden, geriffelten Lautsprecherknopf des Radios.
Soll ich es anschalten?
(Warum denn nicht?)
Eine Weile Zeit schleicht vorüber.
(Los mach schon.)
Wie Nebel auf eines Farmers Feld.
Dann weichen ihre Finger zurück.
Die Kamera reißt sich mit kurzem Ruckeln von der Szenerie, schwenkt durch die Außenscheibe neben ihrem Kopf. Ein Wagen, Farbe unbekannt. Dunkel. Tageszeit Nacht. Umgebung? Sie dreht sich langsaaaam im Kreis.
Nichts als tiefschwarze Nacht. In der Ferne ein Waldesrand mit einer Holzhütte. Die gezackten Umrisse des Waldes heben sich vom Horizont ab.
Schwarz auf dunkelstem Blau.
Wie der Nacken eines schlafenden Drachens.

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