Ein Leben gegen die Schatten

An den Schatten eines Baums lehnend, blinzele ich dem nahenden Sonnenaufgang entgegen, bewundere seine tanzende Eleganz und fürchte seine Tod bringenden Strahlen.

Der neue Tag kommt immer näher und lässt mich immer weiter in den Wald zurück weichen.

Wie gerne würde ich einen Tag auf einer offenen Wiese erleben!

Doch das wäre mein Ende. Schon ein einziger Sonnenstrahl würde mich zu Staub verbrennen. Und so weiche ich weiter weg in die Dunkelheit, die mein ganzes Leben umgibt.

Ich bin ein Geschöpf der Nacht. Die Menschen fürchten mich. Selbst wenn sie mein Gesicht im Sonnenlicht erblickten würden, bevor es zu Staub zerfällt, würden sie wahrscheinlich schreiend davon rennen.

Ich bin ein Ausgestossener meiner selbst. Niemand von meiner Rasse sieht in der Sonne etwas anderes als den Todbringer. Sie halten mich für geistesgestört, verrückt und Selbstmord gefährdet. Über letzteres würden sich wahrscheinlich nicht wenige freuen.

Und ich selbst habe schon einige Male darüber nachgedacht.

Es wäre nur ein Schritt. Ein Schritt in den Sonnenschein…

Dennoch bin ich ihn nie gegangen und traue mich nicht mal in seine Nähe – auch wenn ich mich danach sehne.

Selbst wenn ich diesen Schritt überleben würde, die Menschen nicht schreiend vor mir flüchten würden und ich meine Blutabhängigkeit in den Griff bekommen würde… Die Menschen würden mich nicht verstehen. Ich kann mit den vermeintlich Toten reden – und um ehrlich zu sein, finde ich die menschliche Vorstellung des Todes geradezu lächerlich. Es existiert kein Tod.

Wie können die Menschen so etwas erfinden, obwohl sie überall in der Natur einen Kreislauf des Lebens sehen? Halten sie sich wirklich für so andersartig, so besonders, dass sie sich denken sie wären von diesem Kreislauf ausgeschlossen? Wie könnte dann so etwas wie ich existieren? Ach ja richtig… Meine Existenz leugnen die meisten von Ihnen ja auch.

Genauso bin ich ein Ausgestossener meiner eigener Rasse. Von vielen gehasst, von den anderen belächelt.

Ich gehöre zu nichts und niemandem und niemand… Mit Tränen in den Augen blinzele ich dem Sonnenschein entgegen. Die Sonnenstrahlen reichen mittlerweile bis wenige Zentimeter in den Wald hinein bis zu der Position, an der ich mich befinde und ich weiche erschrocken einige Meter zurück.

Ich weiss genau, dass ich mir besser sofort eine dunkle Höhle suchen sollte, in der ich mich verstecken konnte, so wie all meine anderen Artgenossen, doch diese Art zu leben widerstrebt mir, um nicht zu sagen sie widert mich an.

Ich lebe immer zu in Dunkelheit. Mein Leben ist geprägt von der Suche nach Beute und Blut. Und wenn ich meine Zähne in das zarte Fleisch der Menschen vergrabe, um ihren Saft zu saugen, schreien sie so erbärmlich, dass ich es in allen Fasern spüren kann. Es fühlt sich falsch an und verfolgt mich in meinen Träumen, doch es ist die einzige Nahrungsquelle, mit der ich überleben kann.

Es gibt keinen Ersatz. Ich habe alles mögliche ausprobiert: von Beeren und Wurzeln und Fleisch bis hin zu Versuchen verrückter Wissenschaftler, die ich sie selbst bis aufs Blut leer gesaugt habe.

Das Licht des neuen Morgens scheint mittlerweile so hell in den Wald hinein, dass mir reflexartig ein Fauchen entfleucht, ich die Augen zusammen kneife und sie mit dem Arm bedecke, um mich vor der Helligkeit zu schützen.

Alles in mir drängt mich zur Flucht – schreit und kreischt danach – und ich muss meine ganze Kraft aufbringen, um mich gegen diesen Impuls zu stämmen.

Ich will keine weitere Nacht erleben, in der ich Menschen umbringe und will nicht wieder töten, um zu überleben.

Laut die Luft einsaugend, die ich nicht zum überleben benötigte, schliesse ich die Augen.

Die Sonnenstrahlen kommen immer näher wie suchende Finger des Todes. Ich kann ihre vernichtende Wärme auf dem Gesicht spüren. Bald würden sie mich erreichen und mich in eine zischende Masse aus Staub und Knochen verwandeln.

Bei dem Gedanken weiche ich unwillkürlich ein paar Schritte in den Wald zurück, spüre wie mein Fuss an eine Wurzel stösst und stolpere fast, öffne die Augen.

Alles ist viel zu grell. Die Helligkeit lässt mich zusammen fahren, meine Muskeln fühlen sich an wie in einem Schraubstock. Mein ganzer Körper ist gespannt wie eine Feder, bereit weg zu springen oder sich in eine Fledermaus zu verwandeln, um die Flucht zu ergreifen.

Ein Sonnenstrahl streift meine Haut, schneidet sie auf wie eine Motorsäge, wie brennendes Feuer. Ich rieche verbranntes Fleisch und mein Arm wird sofort taub, nur um wie wild zu pulsieren, doch anstatt noch weiter in den Wald zurück zu flüchten, bleibe ich mit aller Kraft stehen, verfolge wie der Schmerz durch meine Muskeln und schliesslich den ganzen Körper kriecht – nein strömt.

Ein weiterer Sonnenstrahl trifft mich frontal im Gesicht. Ich kreische und fauche! Rieche und schmecke versenktes Fleisch.

Das lässt mich dann doch ein paar Schritte in den Wald weichen. Will ich wirklich so sterben?

“NEIN!” schreit alles in mir. Alles – ausser mir selbst. Meine Füsse weichen zwar noch noch ein paar Schritte zurück, doch ich zwinge sie dazu stehen zu bleiben. Meine Muskeln zucken wie verrückt und schmerzen. Ich habe ein paar Fleischwunden dort, wo die Sonne mich gestreift hat.

Kaum bin ich im Dunkeln lässt das Brennen nach und ich entspanne mich, finde wieder zu mir zurück.

“Du hast dich zuvor in einer Wahnvorstellung befunden”, flüstert mir ein Teil meines Verstandes zu: “Du bist nicht Du selbst”, erklärt mir ein anderer. Ich spüre die Verbrennungen auf meiner Haut und bereue meine Törichtheit.

Dann meldet sich eine dritte Stimme in mir zu Wort: ” Menschen sind in Wirklichkeit nur Nahrung. Wir tun der Welt einen Gefallen, indem wir sie vertilgten. Je weniger es von ihnen gab, je weniger zerstören sie diesen Planeten.”

Das ist der Zeitpunkt, an dem ich beschliesse in das Sonnenlicht zu treten.

Ich kann nicht einen einzigen Schrei eines Menschen, den ich in den Tod befördert habe vergessen. Sehe immer noch ihre blutlosen Hüllen vor mir zusammen sacken.

Und ich will das kein weites Mal tun.

Ich stehe, mich ängstlich an einen Baum klammernd, da und der Sonnenaufgang kommt ohne Gnade näher. Ich spüre schon wieder seine vernichtende Hitze auf meiner Haut. Sie fängt langsam an weh zu tun und Blasen zu schlagen.

“Du musst hier weg! Oder Du wirst hier sterben!”, höre ich mich flüstern. Doch ich bleibe stehen.

Ich will all dem morden ein Ende setzen. Und wenn ich selbst dabei enden würde.

Und so warte ich.

Warte. Bis die Sonnenstrahlen näher kommen und ich schreiend und verzweifelt und um mein Leben ringend und um mich schlagend bei lebendigem Leib verbrenne.

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