Neulich in Meiringen

Ich war gerade in Meiringen, folgte den Fussstapfen von Sherlock Holmes – zumindest tagsüber. Jetzt abends sass ich an dem Birkenholztisch in meinem Hotelzimmer, nippte Jack Daniels aus einem Plastikbecher und tippte jene Zeilen, als es plötzlich an meine Zimmertür klopfte.
Ich zuckte zusammen, legte die Stirn in Falten und trank noch einen Schluck – nur für den Fall der Fälle. An der Tür angekommen, versuchte ich energisch zu fragen: “Wer ist da?”, was mir jedoch nur halb gelang.
Es klopfte wieder – diesmal eindringlicher – und eine gebrochen klingende, weibliche Stimme drang durch das Holz: “Bitte… Sie müssen mir helfen! Bitte… Lassen sie mich rein.”
Verdutzt öffnete ich die Tür.
Sie stand, ein blutiges Messer in der Hand, zitternd dar, auch ihre weisse Bluse war blutbefleckt nur die schwarze Krawatte schien nichts abbekommen zu haben.

Ich öffnete ausser der Tür noch meinen Mund, aber es kaum kein Laut heraus. Sie schob sich neben mir ins Zimmer und schloss die Tür. Das Klacken des Türschlosses riss mich schließlich aus der Letargie.
Wenn sie mich umbringen wollte, hatte sie schon mehrere Chancen dazu verstreichen lassen, ergo war sie wohl aus anderem Grund hier.
Sie hatte das Messer mittlerweile auf die Anrichte gelegt und wusch sich im Bad hektisch die Hände. Ich stellte mich in die Tür und betrachtete sie im Spiegel. Sie erwiderte kurz meinen Blick und schaute dann verlegen ins Waschbecken. Das Wasser, das von ihren
Händen floss war rot.
“Ich weiss wie das aussieht”, murmelte sie: “Aber…”, sie holte tief Luft: “Es ist nicht so wie es aussieht”, sie blickte mich verzweifelt an: “Ok?”
Ich sah sie einfach nur weiter an ohne etwas zu sagen und überlegte was mich davon abhielt die Polizei zu rufen – wahrscheinlich der Punkt, dass ich ihr glaubte, erstmal ihre Geschichte hören wollte und sie ausserdem noch ziemlich attraktiv fand. Mit ihren roten Zöpfen und ihrem Schmollmund und all dem Blut wirkte sie wie eine Horrorversion von Pippi Langstrumpf.
“Da war dieser Kerl und seine Frau oder Freundin, was weiss ich…”, sie suchte wieder meinen Blick, zuckte doch sofort zurück, als sie merkte, das ich sie immer noch anstarrte und fuhr fort: “Sie kamen wahrscheinlich grad vom Pool hatten auf jeden Fall Badeklamotten an und beide waren ziemlich betrunken. Sie brauchten den ganzen Gang um gerade zu gehen.”
Sie nahm zum vierten Mal Seife, es nützte nicht viel: “Dann entdeckten sie mich und ehe ich mich versah, hatte der Typ mich gepackt und sie zerrten mich zu ihrem Zimmer. Ich versuchte zu schreien, doch der Kerl hielt mir den Mund zu.”, eine Träne kullerte ihr über die Wange und eine weitere folgte und sie schluchzte: “Im Zimmer hielt mir die Frau dann plötzlich das Messer an die Kehle und lallte wenn ich einen Mucks machen würde, würde sie mir die Kehle durchschneiden.”, dann krallten sich ihre Hände am Waschbeckenrand fest und sie sah mich an, als würde sie mir am liebsten an die Kehle springen. Ich wich unwillkürlich einen Schritt zurück. Ihre Stimme klang jetzt gnadenlos: “Ich dachte zuerst verfluchte scheisse was wollen die von mir, doch dann schupste der Typ mich auf das Doppelbett, holte seinen Schwanz raus und grunzte das wird einen schönen Dreier geben.”
Mir stand schon wieder Mund offen und sie lachte kurz auf, blickte zúr Seite, bevor sie sich weiter die Hände wusch: “Die Tuss kam mit dem Messer auf mich zu und meinte blas ihm einen”, sie lächelte schief: “Ich sagte nur ich weiss was besseres und ehe das blöde Luder sich versah, hatte ich ihr das Messer aus der Hand gewunden, indem ich ihr den Arm verdreht hatte. Der Typ stürmte auf mich zu und brüllte ich bring dich um…”
Sie sah mich erneut an, doch diesmal hielten ihre braunen Augen meinem Blick stand und sie ließ ihre Worte einfach verhallen, bevor sie fragte: “Sag mal steht dir eigentlich immer der Mund offen?”
Ich bemerkte erst jetzt wie ich sie anstarrte und räusperte mich: “Du… Ähm… Du willst mir also sagen Du hast gerade zwei Menschen erstochen, nachdem sie versucht haben dich zu vergewaltigen?”
Sie blickte mich böse an: “Hey! Ich hab nie gesagt, dass sie tot sind, ok? Sie sind nur bewusstlos und ein wenig verletzt, in Ordnung?”
“In Ordnung”, flüsterte ich und schaute auf meine Whiskey
Flasche. Tausend Gedanken schienen mich in meinem Kopf durcheinander zu schreien. Ich ging zum Schreibtisch, und kippte den Rest des Glases in einem Schluck hinunter.
Sie war aus dem Bad getreten, sich die Hände am Handtuch abtrocknend: “Hey, krieg ich auch einen?”
Ihre ganze Art produzierte ein Kribbeln auf meiner Kopfhaut und auf den Armen, es war ein angenehmes Kribbeln. Ich goss ihr einen ein.
“Wir müssen die Polizei rufen. Und einen Krankenwagen.”
Sie hielt mitten in der Bewegung inne, das Plastik hatte es gerade geschafft ihre Lippen zu berühren, dann kippte auch sie den Drink in einem Zug runter. Ich hatte gerade nach meinem Mobiltelefon gegriffen, als sie mir die Hand auf die Schulter legte und mit der selben Stimme wie vorhin vor der Tür sagte: “Tu’s nicht… Bitte.”
Ich drehte mich zu ihr um: “Wieso nicht?”
Sie biss sich auf die Lippe und reichte mir den Becher: “Kann ich noch einen haben?”
Ich tat ihr den Gefallen.
“Hast du nen Wagen?”
Ich nickte.
“Können wir fahren? Ich erzähls dir unterwegs.”
Ich starrte sie an und mir gingen in diesem Moment so viele Sachen durch den Kopf, dass ich mich unmöglich an alle erinnern kann. Ich weiss nur noch, dass ich dachte ich muss vollkommen verrückt sein, als ich nach meinem Zimmerschlüssel griff, motorisch die Jacke vom Bügel nahm und ihr den Arm um die Schultern legte und sagte: “Fahren wir.”
Es war mittlerweile Nacht geworden und es regnete. Ich konnte trotz des Regens die drei Wasserfälle nicht unweit des Hotels in den Bergen rauschen hören – oder wenigstens einen von ihnen. Der Regen war kühl und ich fühlte mich durch all das Adrenalin trotz der beiden Whiskeys so nüchtern wie ein Mönch auf Abstizenz.
Die beiden Autotüren waren kaum zu geschlagen, als ich schon zurück setzte, vom Parkplatz des Hotel und über die Brücke der Aare gefahren war. Wir waren die einzigen auf der Strasse und ich hatte das Gefühl zu wissen wohin ich fuhr – ohne dass es mir bewusst war.
“Also?” fragte ich in die Dunkelheit des Wagens.
Ihre Hand berühte zögernd meinen Oberschenkel, ich zuckte zusammen und sah sie an. Ihr Blick war starr auf die Strasse gerichtet. Die Berge ragten wie dunkle Wände vor uns auf, waren wegen der tiefliegenden Wolken und der Lichtverhältnisse allerdings kaum noch zu erkennen.
“Danke.”, mehr sagte sie für den Moment nicht und ihre Hand blieb wo sie war.
Zwei Kurven weiter sah ich aus dem Augenwinkel, dass sie zu mir schaute: “Es ist schon lange her”, sie seufzte: “Ich bin vorbestraft. Hab in meiner Jugend scheisse gebaut. Bin an die falschen Typen geraten und…”, sie schüttelte den Kopf: “Ich weiss auch nicht, ob das richtig ist, was wir hier grad tun.”
“Bingo”, hörte ich meine eigene Stimme sagen, bevor mein Gehirn merkte, dass sich mein Mund bewegt hatte: “Geht mir genauso.”
Sie beugte sich zu mir rüber und küsste mich auf die Wange.
“Ich heisse übrigens Susi.”
“Pfirsich”, registrierte ich in Gedanken: “Sie riecht nach Pfirsich.”
Ich drehte den Kopf zu ihr und küsste sie auf den Mund. Ihre Lippen waren weich wie Samt und schmeckten dezent nach Kirsche.
“M..Martin”, stammelte ich.
Da war es wieder dieses wohlige Kribbeln nur war es diesmal nicht nur auf der Kopfhaut und den Armen sondern erfasste meinen ganzen Körper.
Ich vergaß völlig, dass ich in einem Auto saß – noch dazu am Steuer in einer kurvenreichen Berggegend.
“Pass auf!” schrie sie, ich brauchte gewisse Zeit um zu registrieren, was geschah, sie hatte mittlerweile schon ins Lenkrad gegriffen und selbst den Wagen um die Kurve gesteuert.
“Spinnst du?!”
Der Schock vertrieb alle anderen Gefühle und ich konzentrierte mich wieder auf die Strasse, nur noch einen Blick in ihre Augen, um ihr zu sagen, dass es mir leid tut…
Auch sie schaute mich an und ich öffnete gerade den Mund, um es ihr kund zu tun, als etwas hart gegend die Motorhaube, dann vor die Windschutzscheibe und schließlich auf das Dach des Wagens prallte.
Reflexartig presste ich die Bremse zu Boden und das Auto kam
schlingernd zum stehen.
Wir starrten uns an, dann gleichzeitig aus dem Heckfenster.
Im Nebel, der mittlerweile von den Bergen ins Tal gekrochen war, lag etwas. Etwas größeres.
“Ist das ein Hirsch?” fragte sie.
“Oder ein Mensch.” antwortete ich.
Wir rissen gleichzeit die Türen auf, ohne ein Wort zu sagen und stürmten auf das Etwas zu.
Es war eine Frau.
Sie lag mit weit aufgerissenen Augen auf der Strasse, offensichtlich bewusstlos und aus ihrem Mund floss Blut bis in ihren tiefen Ausschnitt.
Der Nebel wehte über sie, als versuchte er sie zu zu decken, damit sie sich in Ruhe ausruhen konnte.
“Jetzt brauchen wir aber einen Krankenwagen…” erwiderte ich fassungslos.
“Können wir sie nicht in ein Krankenhaus fahren?”
Ehe ich was erwidern konnte, hatte Susi sich schon zu ihr hinab gebeugt und versuchte sie auf zu heben: “Hey hilfst du mir vielleicht mal?”
Wie so oft an diesem Abend reagierte ich eher instinktiv, als dass ich in der Lage war auch nur im geringsten über all die Ereignisse nach zu denken. Das würde später kommen, redete ich mir ein – auf Papier oder auf einer Computertastatur.
Ich kann mich nicht daran erinnern wie wir sie ins Auto bekommen haben oder wie wir heraus gefunden haben wo das nächste Krankenhaus ist, ja nicht einmal daran wie wir umgedreht haben und wieder zurück nach Meiringen gefahren sind.
Meine Erinnerungen setzen erst wieder ein, als Susi im Beifahrersitz wie am Spieß anfing zu schreien, mehrfach nach hinten schlug und ich ein schmatzendes Geräusch vernahm, gefolgt von einem Fauchen, dass ich noch heute jedes Mal hören kann, wenn ich ins Auto einsteige.
Mein Blick fiel in den Rückspiegel, weil ich nicht schon wieder den Fehler begehen wollte die Strasse aus den Augen zu lassen, doch was ich dort sah, war mitnichten eine Frau, die so aussah, als wäre sie gerade von einem Auto überfahren worden. Was mir dort entgegen funkelte war die entstellte Fratze eines fremdartigen Wesens. Silbern glänzende, kalte Augen, Haut, die wie raues Eisen wirkte, das mit einem Messer bearbeitet worden war und ein diabolisches, mit spitzen Zähnen verziertes Grinsen, dass Hass und Gier widerspiegelte.
Die Zähne gruben sich erneut in Susis Nacken und ich trat hart auf die Bremse. Reifen quietschsten. Ich riss in einer Bewegung den Sicherheitsgurt aus der Buchse, die Handbremse hoch und sprang aus dem Wagen, rief “Susi!”, als mir bewusst wurde, dass ich ihr helfen musste und wirbelte herum.
Der Rücksitz des Wagens war leer.
Zuerst nahm ich an, dass sich die Gestalt – was immer es auch war – geduckt hatte, um mich zu täuschen. Schweiss rann mir den Rücken hinunter und ich zitterte innerlich.
“Tu was!” schrie mich eine Stimme in meinem Kopf an: “Du musst ihr helfen!”
Ich nahm all den Mut zusammen und riss die hintere Tür auf.
In Gedanken sah ich einen Dämonen mit Flügeln und gefletschten Zähnen, der auf mich zu sprang.
Doch in Wirklichkeit offenbarte sich mir nur eine im Dunkeln liegende Rückbank, nicht mehr und nicht weniger.
Ein paar Sekunden starrte ich darauf, dann in den Nebel hinaus, als befürchtete ich, dass der Dämon beim bremsen wie ein Geist durch die Heckscheibe entschwunden war, ohne Schaden an ihr zu hinterlassen und sich nun bereit machte sich auf mich zu stürzen, während ich abgelengt war.
Nichts bewegte sich, ausser der Nebel selbst. Egal wie angestrengt und wie lang ich mich umsah.
Wütend schmiss ich die Wagentür zu und stieg wieder ein: “Ich hatte grad anscheinend Halluzinationen aufgrund des Stress von heute, bitte…”, weiter kam ich nicht, denn dann bemerkte ich, dass auch der Beifahrersitz leer war.
Verwirrt suchte ich alle Himmelsrichtungen ab.
Nichts.
Nur der Nebel, der das Auto immer mehr einhüllte.
Ich konnte mir unmöglich das alles eingebildet haben! Ich war ja schließlich kein Psychopath! Oder etwa doch? War meine Phantasie derart mit mir durchgegangen? Ich hatte doch nur einen kleinen Whiskey, als sie…
Erneut fuhr ich herum, betrachtete die Rückbank und spähte aus allen Fenstern des Wagens.
Ich war und blieb allein.
Immer noch fassungslos, legte ich eine Hand auf den Beifahrersitz. Er war noch warm und als ich mich zu ihm rüber beugte, vernahm ich einen leichten Duft nach frischen Pfirsichen.
“Susi…”, stammelte ich und aus der Ferne drang das Rauschen des Reichenbachfalls.

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