Nebel kennt keine Grenzen

Ich sehe es kommen.
Das Auto.
In meiner Erinnerung fährt es immer in Zeitlupe.
Quälend langsam.
Ich versuche zu schreien, sie zu warnen.
Doch es kommt kein Ton heraus. Nur hoffnungsloses Krächzen.
Es ist aus.
Alles.
Nacht für Nacht.
Immer wieder und wieder träume ich von diesem einzigen Augenblick.
Keine zehn Sekunden.
Und dennoch bestimmen sie mein ganzes Leben.
Nein.
Sie haben es zerstört!
Schreiend werfe ich im Schlaf den Kopf herum, hin und her, hin und her, hin und her.
In Gedanken taucht ihr Gesicht auf. Ihre Augen. Ihr Lächeln. Ihr Mund.
Wärme durchflutet mich, steigt in mir auf, wie ein freundliches Feuer.
Kurz bevor es geschah, drehte sie sich auf dem Fahrrad noch zu mir um.
Ich werde nie ihren Blick vergessen. Er hat sich in meine Seele gebrannt.
Wir wollten picknicken am See. Nur picknicken…
Eine Träne, eine weitere. Ich weine im Schlaf ohne es zu realisieren.
Dann kam das Auto.
Es schoss um die Ecke. Quietschende Reifen.
Ein Jugendlicher in einem geliehenen Sportwagen. Kam von der Spur ab… Seine Freundin saß neben ihm, als er meine überfuhr.
Er hatte nicht einmal Zeit zu bremsen.

Um mein Leben kreischend wache ich auf.
Das dritte Mal diese Nacht. Nichts ungewöhnliches. Seit dem Vorfall schlafe ich nie länger als zwei Stunden. Mein Herz schlägt wie wild auf meinen Brustkorb ein, als wollte es mich erdolchen, mich ermorden, damit dieser Albtraum endlich aufhört.
Meine Kehle fühlt sich an wie die gezackte Schneide eines Messers.
Hände, die so stark zittern, dass ich beim trinken die Hälfte des Glas Wassers verschütte.
Ich wuchte mich auf. Die Welt wirkt unwirklich. Schwankt.
„Es ist alles nur ein Traum.“, der Raum dreht sich und ich halte mich am Tisch fest: „Es… Ist alles nur ein Traum. Alles.“
Ich lächle. Es fühlt sich gut an. Wie Honig.
Und wie gerne würde ich mir das glauben. Doch ich merke, wenn ich mich selbst schamlos belüge.
(Sie ist noch mit Freunden etwas trinken, sie kommt bald nach Hause.)
Nein. Hör auf!
Doch ich kann nicht anders, wie jede Nacht greife ich reflexartig auf ihre Seite des Betts.
Leere Laken und Luft.
Und es fühlt sich an, als hätte ein geisteskranker Psychopat einem ein Messer in dem Bauch gerammt. Lachend.
An Schlaf ist jetzt nicht mehr zu denken. Adrenalin peitscht mich, als hätte ich eine ganze Palette Redbull getrunken.
Dennoch bewege ich mich schwerfällig zum Küchentisch, zünde mir eine Zigarette an. Der Husten und das Ziehen in der Lunge tun gut, es bestätigt mir, dass ich noch lebe.
„Du hörst wieder auf, wenn du darüber hinweg bist“, sage ich zu mir selbst und starre auf das Glas, in dem noch ein Rest Wodka ist. Zwei Zentiliter Hoffnung. Ohne darüber nachzudenken trinke ich es in einem Zug.
Das scharfe, brennende Gefühl rinnt meine Kehle hinab, bis es in meinem Magen warme und wohltuend explodiert und der Alkohol in meinen Blutkreislauf schießt.
“Ich will sie sehen.”
Ich höre die Worte, bevor ich realisiere, dass sie von mir selbst stammen. Dennoch der Gedanke rastet ein. Sofort. Wie ein rostiges Zahnrad in einer verkanteten Maschinerie. Es fühlt sich absolut richtig an.
Ohne Zweifel.
Ich greife die Schlüssel und ehe ich mich versehe, sitze ich auf meiner Maschine. Der Motor der Kawasaki ER-6n heult auf.
„Du bist verrückt.“, das Visier klackt herunter: „Du bist viel zu müde und… Du bist betrunken, Du…“
Doch in Wirklichkeit weiß ich, dass das Adrenalin entscheidet.
Meine Hand dreht den Gashahn auf, gieriges Grollen. Das Motorrad katapultiert mich auf die Straße.
Die Fahrt verläuft wie im Film, wie im… Flug. Ich nehme sie nicht wirklich war.
Ich klettere über das abgesperrte Tor des Friedhofs. Alte Farbe und rostiges Metall, das sich in meine Haut schneidet.
Es weht ein kühler Wind, Gänsehaut. Erst jetzt realisiere ich, dass ich nur mit meinem Pyjama bekleidet bin.
Der Weg wirkt schemenhaft wie durch einen Bleistift schraffiert und der Himmel hängt voller dicker, dunkler Wolken. Ich werde zu ihrem Grab gezogen wie durch einen Magneten angezogen.
Meine Knie geben nach und ich falle ohne Vorwarnung zu Boden. Spitze Steine, die sich in meine Knie bohren. Heiße Tränen in Strömen. Schluchzend krümme ich mich vor ihrem Grab zusammen, als hätte ich einen Bauchschuß abbekommen.
Es ist fast ein halbes Jahr her. Doch ich kann es immer noch nicht glauben. Ich will es nicht wahr haben.
Die Kälte nimmt zu, von innen und von außen. Ich warte darauf, dass sie mein Herz umklammert und es erdrückt. Meine Tränen gefrieren lässt.
Doch stattdessen… Rauschen.
Der Wind wird stärker, fährt durch die umliegenden Bäume und um mein Gesicht. Ich öffne die Augen. Nebel, der langsam vom Boden aufsteigt, den Grabstein umschmiegt.
“Für die Liebe meines Lebens”, verschnörkelt eingraviert von einem befreundeten Bildhauer.
Der Mond leuchtet grünlich hinter einer Wolke hervor. Ein Strahl fällt auf ihr Grab. Der Nebel schleicht kräuselnd über den Boden. Ein erneuter Luftzug, einem Flüstern gleich: “Zusammen.”
Mir läuft es eiskalt über den Rücken, über die Arme.
Habe ich dieses Wort wirklich im Wind gehört?
Werde ich allmählich wahnsinnig?
Kopfschüttelnd starre ich den Grabstein an. Seine Buchstaben stechen zu scharf hervor. Wie mit einem Messer eingeritzt. Ich meine jetzt in diesem Augenblick.
Der Nebel steigt höher, wird dichter. Er sieht beinahe so aus, wie eine Hand, die sich behutsam auf den Grabstein legt.
Ich kneife die Augen zusammen. Ein heller Lichtblitz, der in meinem Sehnerv nach brennt. Weiße Quadrate, die langsam verschwinden.
Ist das da ihr Gesicht im Nebel?
„Dreh jetzt nicht durch. Bitte. Dreh… Jetzt…“
Meine Worte klingen in der Stille erschreckend laut und gleichzeitig kraftlos und leer.
Seufzend schließe ich die Augen.
“Vielleicht sollte ich besser wieder ins Bett gehen.”
Ich glaube es ist Vernunft, die mich aufstehen lässt, doch es ist definitiv Unvernunft, die mich die Augen wieder öffnen lässt.
Sie steht genau vor mir.
Im Nebel.
Kein Zweifel.
Ihre Augen. Ihr Lächeln. Ihre Bewegungen. Ihr… Gefühl.
Das Kribbeln auf der Haut. Ich spüre ihre Nähe.
Sie streckt die Hand nach mir aus. Elektrisierend. Erregend. Magnetisch.
Wie beim ersten Kuss.
Meine Hand näherte sich der ihren.
Ich kann nicht anders. Freier Wille existiert nicht.
Sie lächelt immer noch, wie an jenem ersten Tag.
“Zuuuusammeeen…”, nur ein Flüstern im Wind.
Ich spüre wie sich unsere Lippen berühren. Sie aus ihrer Welt und ich in meiner.
Es ist wie ein Stromschlag, der mich von Kopf bis Fuss durchzuckt.
Mein Herz krampft sich schmerzhaft für Sekundenbruchteile zusammen, vollführt dann den gewaltigsten Sprung meines Lebens.
Und hört auf zu schlagen.
Einfach so.
Ich breche vor ihrem Grab zusammen.
So glücklich war ich noch nie.
Im nächsten Augenblick legt sie einen weichen, weißen, warmen Schleier über mich und holt mich zu sich.

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