Deal in der Wüste

Diesen Teil meines Jobs hasste ich. Ich meine das Warten in der Wüste.
Mir lief der Schweiß das Gesicht herunter und auch überall sonst, sogar von meinen Eiern tropfte es. Es war so gottverdammt heiß, dass ich das Gefühl hatte mir würde gleich das Gehirn aus der Nase laufen.
Ich blickte in den Sand sonst gab es hier außer ein paar Felsen und Kakteen nur verkümmerte Sträucher und sich in der Ferne verlierende Berge zu beobachten – abgesehen von einem Skorpion, der sich langsam in den Sand ein grub. Es wirkte wie eine sehr mühselige Beschäftigung, doch er konnte wenigstens etwas tun und kam seinem Ziel mit jedem Schaufelschlag ein wenig näher.
Nicht so wie ich.
Ich konnte nur warten und hoffen.
Habe ich schon erwähnt, dass ich diesen Teil meines Jobs hasste?
Zähneknirschend spülte ich den Gedanken mit einem halben Liter Wasser aus meinem Verstand und konzentrierte mich wieder auf den Skorpion.
Seine Arbeit schien er emotionslos zu verrichten – genau wie ich.
Die Hitze ließ die Luft flimmern wie die Übertragung eines beschissenen Fernsehprogramms aus dem letzten Jahrtausend, als sie noch analog gesendet hatten ohne Full HD und man eine Antenne brauchte und Regen den Empfang stören konnte. So was gab es heutzutage nur noch in Mexiko und wer weiß vielleicht in Europa.
Das Auto, das sich auf der entfernten Interstate näherte, schien einen flackernden Feuerschweif hinter sich her zu ziehen. Ein Komet, der irgendwo einschlagen würde.
Aber es war kein Maserati und darum mir scheiß egal.
Der Skorpion verschwand mit zuckendem Schwanz im Sand und ich hätte es ihm nur zu gern gleich getan.Ein paar Sekunden später sah es so aus, als hätte es ihn nie gegeben, als wäre er nur eine Einbildung gewesen. Ich war mir nicht mal mehr sicher wo er genau verschwunden war. Doch wen verdammt kümmerte das?
Ich packte den heißen Stahl des Gewehrs. Seine Hitze schnitt mir in die Finger, und stemmte mich hoch. Leichtes Schwindelgefühl, gefolgt von Durst und dem Geschmack von Sand auf der Zunge.
Wieso konnte der Deal nicht in einem Hotel oder noch besser auf einem einsamen Parkplatz stattfinden?
Weil der Kunde war nun mal König, erklärte mir der Teil meines Verstandes, der noch nicht verdorrt war.
Ich spähte wieder zur Straße. Nichts bewegte sich außer der Luft und ich zwang mich, mich zu setzen. Ich musste meine Kraft sparen, meinen Geist beruhigen und so wenig Energie und Wasser verschwenden wie möglich. Erste Überlebensregel in der Wüste. Wer weiß wann der Kunde auftauchen würde. Die meisten kamen spät, einige viel später und manche niemals. Doch das waren die wenigsten. Wer mich beauftragte kam nicht vorschnell und hatte sich meist schon Monate oder gar Jahre zuvor Gedanken über den Auftrag gemacht.
Ein weiterer Schluck Wasser, gefolgt von einem angetäuschtem Schluck Whisky, der mehr die Lippen befeuchtete als den Gaumen, aber dennoch ein brennendes Gefühl auf der Zunge hinterließ, das einem jede Pore zu öffnen schien.
Nüchtern konnte ich so was nicht.
Immer noch nicht. Auch wenn ich wusste, dass ich meinen Kunden einen Gefallen tat.
Ich nahm noch einen Schluck, diesmal allerdings einen richtigen und der Alkohol explodierte in meinem Magen wie eine Wärmegranate.
Die Welt wurde klarer, schärfer und alle Nebensächlichkeiten ausgeblendet.
Ich liebte dieses Gefühl.
Eine ganze Weile geschah nichts.
Für eine Wüste nichts ungewöhnliches. Ich konnte nicht sagen wie lang diese Weile war, weil Zeit hier nicht zu existierten schien oder wenigstens eine stark verzerrte Bedeutung hatte. Ich konnte sie nur in Flüssigkeiten messen: 1 Liter Wasser und 4 Zentiliter Whisky.
Ich hatte mich schon damit abgefunden, dass dieser Kunde nicht mehr kommen würde, als ich eine Bewegung in meinem Augenwinkel bemerkte. Zuerst freute ich mich, lächelte gar schon, doch dann realisierte ich, dass die Straße in der anderen Richtung lag und die Art der Bewegung mir einen Schock durch die Glieder schoss. Nur meine Augen drehten sich langsam in die Richtung.
Eine Klapperschlange erhob sich siegessicher majestätisch zischelnd gen Himmel.
Meine Eingeweide zogen sich zusammen. Sie fühlten sich an als würde sich ein Marder durch sie hindurch beißen.
Dann setzte der analytische Verstand ein: Fünf Meter Abstand. Ausreichend.
Die Muskeln und Sehnen in meinen Oberschenkeln waren zum zerreißen gespannt, bereit zum Sprung, auch wenn ich wusste, dass ich in Sachen Geschwindigkeit der Schlange haushoch unterlegen war. Der Überlebensinstinkt verlangte es.
Darauf bedacht keine hastigen oder ruckartigen Bewegungen zu machen, glitt meine Hand ganz langsam – wie in Zeitlupe – bis zum Gewehr vor.
Zischeln. Beobachten. Starre Pupillen, chaotisch zuckende Zunge.
Ich spürte das polierte Holz des Schafts unter meinen Fingern. Es fühlte sich elektrisierend an, einem Orgasmus gleich. Meine Finger schlossen sich darum.
Die Schlange erhob sich, beugte sich zischend in meine Richtung, bereit zu zu stoßen.
Ich atmete hörbar aus und zog die Waffe so schnell ich konnte an mich. Eine hektische Bewegung. Ich reagierte ohne zu überlegen. Meine Sehnen schrien auf, als ich das Gewehr hoch riss, es wiederholt mit aller Kraft auf den Boden schlug und gleichzeitig von der Schlange weg sprang.
Sie wird dich beißen. Sie wird einfach zuschnappen, ihr Gift in dich pumpen und alles ist aus.
Ich stieß erneut zu – diesmal noch heftiger.
In der Wüste sollte man sich nie zu sicher fühlen.
Wütendes Zischen.
Sie kapiert, dass du ihr nur Angst einjagen willst.
Dann verschwand die Klapperschlange so schnell und geheimnisvoll wie sie erschienen war.
Mein Herz hämmerte weiter und ich fühlte mich allmählich als würde mein Hirn durch die Schädeldecke verdunsten.
“Sie hätte dich fast erwischt.” flüsterte eine Stimme in meinem Kopf.
Meine Knie wurden weich und ich ließ mich auf den Boden fallen, robbte rückwärts, bis ich das Metall meines Wagens im Rücken spürte. Der Wagen gab mir Halt auch wenn er sich so heiß anfühlte wie ein Brenneisen.
Vielleicht sollte ich ihn einfach starten und davon fahren?
Mein Blick fiel auf die Whiskeyflasche vor mir, ich robbte zurück, drehte den Verschluss ab und trank.
Die pisswarme, scharfe Flüssigkeit rann meine Kehle hinab und schoss sofort über meinen Magen und meine Blutbahn in meinen Kopf.
“Du hast es nicht mehr unter Kontrolle”
“Red keinen Unsinn.”
Hilfloses Lachen.
Ich hatte das Gefühl immer mehr im Sand zu versinken und wartete trotzdem weiter. Ich hatte keine Wahl. Ich brauchte diesen Auftrag unbedingt. Ich brauchte das Geld. Ohne das Geld wäre ich bald erledigt. Richtig erledigt.
Eine halbe Stunde oder wie viel auch immer an Zeit verdunstet sein mochte, dann näherte sich ein weiteres Auto.
Glänzender Chrome. Reflektierende Sonnenstrahlen, die in meiner Netzhaut brannten.
Ich traute meinen Augen nicht, als der Wagen in der Ferne auf den schmalen Feldweg einbog, der zu meiner Position führte.
War dies wirklich mein Kunde?
Ich wartete weiter, während die Luft vor meinen Augen flimmerte, der Durst in meiner Kehle brannte und die Zeit zu einer endlosen Angelegenheit zu werden schien.
Kein Zweifel.
Er kam immer näher auf mich zu. Bis seine Wagentür zaghaft ein paar Meter hinter mir zuschlug.
Langsame, unsichere Schritte knirschten im Sand.
“Herr…”
“Schschsch!”
“Entschuldigen Sie. Ich… Ähm also…”
Ich stand auf und ging mit ausgestreckter Hand auf ihn zu. Er wich zurück, als würde ich ihn mit einem Messer bedrohen.
“Sie wirken unentschlossen.”
Er blickte zu Boden: “Nein, ich habe nur…”
Kurzes Schweigen.
“Das ist normal.” versuchte ich ihn zu beruhigen, “Trotzdem muss ich mich vergewissern, dass sie es immer noch ernst meinen.”
Er nickte: “Ja, ich…”, sein Blick wanderte langsam nach oben, dann sah er mich an und hielt meinem Blick stand – irgendwas an seinem Blick wirkt so unwirklich. “Ich meine es ernst.” erwiderte er mit fester Stimme und ich vergaß meinen Gedanken.
“Das ist gut. Das ist sehr gut. Denn sie müssen absolut sicher sein.”, in der Ferne fuhr ein weiteres Fahrzeug vorüber. Heute Nacht herrschte in der Wüste übermäßig viel Verkehr, doch dessen unbeirrt fuhr ich fort: “Denn sie wissen es gibt kein Rückgaberecht.”
Er gluckste über den schlechten, sarkastischen Witz. Wie die meisten seiner Art.
Die etwas aufgelockerte Situation nutzte ich jedes Mal, um zum Wagen zu gehen, den Kofferraum zu öffnen, und das Werkzeug heraus zu holen.
“Wenn sie sich wirklich sicher sind”, ich hielt ihm eine Schaufel vor das Gesicht – umspielte da plötzlich ein Lächeln seine Lippen? Nein das konnte nicht sein.
Ich hörte mich sagen: “Dann graben sie. Wenn nicht nehme ich nur die Anzahlung, wir beide verschwinden und diese Sache hier ist nie passiert.”
Er griff ohne zu Zögern zu: “Ich habe schon zu lange gezögert.”, drehte sich um und stieß den Spaten in den glühend heißen Sand.
Ich ging langsam zu meinem alten Sitzplatz und hob die Flinte auf, schlenderte zurück: “Wie war ihr Wochenende?”
Es half immer ein wenig Smalltalk zu praktizieren, das löste die Nervosität.
“Oh, ganz ausgezeichnet”, erwiderte er, vor Sarkasmus triefend: “Meine Ex-Frau hat mich wieder besucht.”, er zog gut hörbar die Nase hoch: “Nur um mir zu erzählen mit wem sie in der Zwischenzeit abgöttisch geilen Sex gehabt hat”, ein erneuter Stoß, Schweiß tropfte ihm von der Stirn: “Oh der eine hatte einen viel längeren als du und der andere hat mich geleckt, bis ich gekommen bin.”, er schlug mit dem Spaten auf den Boden: “Gleich drei Mal.”, dann drehte sich um und sah mich an, lächelte: “Ich hab sie erschossen.”, das Schaufeln war jetzt ruhig und gelassen und er fügte hinzu: “Direkt ins Gesicht.”
Er zeigte keinerlei Reue, nur Freude, als hätte er erwidert: “Das neue Zitroneneis im Freibad schmeckt sehr erfrischend.”
“Sie haben was?”, rief ich: “Das ist gegen die Abmachungen. Als Mörder verstoßen sie gegen meine Geschäfts…”, er zog so schnell die Waffe, das ich nicht mal eine Bewegung wahrnahm. Meine Eier schrumpften schlagartig auf die Größe von Erbsen und mein Mund fühlte sich taub und trocken an.
“Nein, Fettsack. Ein Deal ist ein Deal auch wenn er in der Wüste stattfindet.”
Er kam, die Waffe auf meinen Kopf gerichtet, auf mich zu. Der Lauf schien zu flüstern: “Ich werd dich fertig machen, du Arschloch.”
Ich schluckte: “Ok, ok. Beruhigen sie sich.”
So etwas war mir in den zehn Jahren noch nicht untergekommen.
Ich musste dem Drang widerstehen meine eigene Waffe auf den Boden zu legen und die Hände in die Luft zu strecken.
Stattdessen nahm ich all meinen Mut und meine Berufserfahrung zusammen und lud sie durch.
Ein Geräusch metallischer Überlegenheit.
Zwei, drei Sekunden lang, die mir vorkamen wie eine Ewigkeit, geschah nichts, doch dann sicherte er seine Waffe wieder und steckte sie weg und sagte so beiläufig, als redete er über seine Einkaufsliste: “Wissen sie… Ich habe sie immer geliebt.”
Leidenschaftlich rammte die Schaufel in den Sand: “Darum kann ich es mir nicht verzeihen…”
Tränen liefen ihm die Wangen herab.
Die Betonung seines Satzes hörte sich an, als würde noch eine ganze Menge folgen, doch stattdessen schaufelte er nur schweigend weiter, bis das Rechteck tief genug war, dann warf er die Schaufel weg.
Er wartete und schwitzte ohne mich anzusehen.
“Also dann.” sagte ich.
Ein kaum wahrnehmbares Nicken war seine ganze Antwort.
Ich legte die Waffe an und zielte.
Ein gut gezielter Schuss von hinten in den Kopf, so würde er keinen Schmerz empfinden. Und zur Sicherheit noch ein Schuss ins Herz. So sahen es die geschäftlichen Vereinbarungen vor.
Mein Finger berührte den Widerstand des Abzugs. Er begann sich zu krümmen.
Ich konnte nicht mehr zählen wie viele Aufträge ich derweil schon ausgeführt hatte. Wie vielen Menschen ich zu einem verfrühten Tod verholfen hatte, die sich selbst nicht getraut hatten, dafür Sorge zu tragen.
Doch irgendwas an diesem Kunden war anders. Es war nicht nur die Tatsache, dass er ein Mörder war und ich mit Mördern nicht zusammen arbeiten wollte, schon gar nicht, um selbst in Verdacht zu geraten. Es war die Art und Weise wie er sich verhielt, die mir Unbehagen verursachte.
Ein Unbehagen, dass sich wie ein glühendes Messer in meinen Eingeweiden anfühlte.
Ich drückte ab.
Ein Knall. Dann noch einer.
Ich sah noch wie mein Kunde fiel, sich im Fall zu mir umdrehte… Und meine Kugel ihr Ziel verfehlte.
Dann traf mich sein Schuss und ich wurde herum geschlagen.
Ich landete mit dem Gesicht im Sand, spürte wie sich alles in mir verkrampfte, wie Blut in Strömen aus einem gewaltigen Loch mir raus strömte und ich die Augen auf riss. Blut schoss mir in den Mund, metallischer Geschmack, das Gefühl auf Kupferkabel zu beißen und gleichzeitig zu ertrinken.
“Der letzte Augenblick.” zuckte es, einem Stromschlag gleich, durch mein Gehirn, gefolgt von Milliarden von verpixelten Bildern. Kindergeburtstage, die Einschulung, der erste Kuss, der erste Sex, die erste richtige Freundin, mein erster Auftrag… Ich sah alles auf einmal noch einmal.
Dann blendete mein Verstand zurück in die Wüste. Sich aufbäumender Sand. Die Schere eines Skorpions. Sandkörner, die im Sonnenschein auseinander rieselten.
“Ich hoffe du hast es genossen mit meiner Frau zu ficken!”
Ein zweiter Schuss. Blut, das aus meinem Mund schießt und mit Dunkelheit gefüllt wird.
In der Wüste sollte man sich nie zu sicher fühlen.
Und der Stachel des Skorpions war das letzte, was ich je sah.

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