Der Papiertütenjunge

“Halt! Haltet den Dieb!”, der Verkäufer kam Fäuste schüttelnd aus dem Laden gerannt, “Wieso hält denn niemand diesen Bengel auf?”

Doch der Bengel war einfach zu schnell.

Ein Passant versuchte mich zu packen. Ich täuschte links an und sprang rechts an ihm vorbei. Mein Sportlehrer wäre stolz gewesen, aber der Verkäufer knallte nur seine Mütze auf den Gehsteig und fluchte: “Das ist schon das zweite Mal diese Woche!”

Ich rannte weiter, bis ich Seitenstechen bekam und selbst dann rannte ich immer noch. Erst hinter der Bibliothek fühlte ich mich sicher und ließ mich auf den Boden fallen.

Mein Herz hämmerte und mein Magen tat weh vor Hunger. Ich hatte seit zwei Tagen kaum etwas gegessen. Eigentlich hätte ich in der Schule sein müssen und danach im Waisenhaus, doch ich hatte auf beides keinen Bock. Im Waisenhaus gab es zwar Essen, aber auch Schläge und man durfte nie tun, was man wollte, wie in der Schule. Deshalb lebte ich lieber allein so gut es eben ging.

Ich war oft in der Bibliothek. Ich konnte zwar kein Buch ausleihen, obwohl mich Frau Friedrich gern zu haben schien – immerhin holte sie nicht die Polizei – aber lesen durfte ich dort so viel ich wollte. Und das war das einzige im Leben, was ich wirklich liebte. Vor allem Geschichten von Mark Twain wie die Abenteuer des Tom Sayer. Manchmal gab mir Frau Friedrich sogar etwas Papier und einen Stift. Dann schrieb ich selbst so eine Geschichte. Natürlich nicht so gut wie Mark Twain, aber es machte mir Spaß.

Ich drückte mir das geklaute Brötchen und die beiden Äpfel rein. Das tat gut. Jetzt fühlte ich mich wohl.

Am nächsten Morgen, ich hatte die Nacht unter meiner Lieblingsbrücke verbracht, die mit vielen bunten Bildern bemalt war und unter der ein Bach floss. Ich mochte diesen Bach. Er gab mir Abkühlung und wiegte mich in den Schlaf. Ich war nur ein Mal aufgewacht als jemand mit einem Hund vorbei gekommen war. Zum Glück kein Polizist. Der Hund hatte mich leise angeknurrt, lief dann aber weiter und heute Morgen war es mein Magen, der knurrte, aber nur ganz leise.

So war das mit dem Hunger. Wenn man mehr aß als nötig, bekam man am nächsten Tag mehr Hunger. Deswegen aß ich für gewöhnlich nicht so viel.

Ich lief am Ufer des Bachs entlang bis zur nächsten Brücke, dann legte ich mich ins Gras und sah den Wolken hinterher. Eine sah aus wie eine Birne, eine andere wie eine Brezel. Der Hunger in meinem Bauch wurde lauter.

Ich beschloss zu dem neuen Einkaufszentrum zu laufen. Die hatten so viel zu essen, dass sie es Abends in den Müll warfen. Dort hätte bestimmt niemand etwas dagegen, dass ich mir was nahm.

Ich schlenderte, die Hände in den Hosentaschen, an den Regalen vorbei und fragte mich wer all das Zeug hier brauchte, als ich plötzlich mit offenem Mund stehen blieb.

Vor mir lag ein aufgeschlagenes, ledernes Buch samt Schreibblock und silbernem Stift. Der Stift funkelte, als sei er in Wirklichkeit ein Zauberstab, aus dem Geschichten und Märchen nur so heraus purzelten, sobald man ihn auf’s Papier drückte.

Ich griff ohne weiter zu überlegen zu und schob mir die Sachen unter das T-Shirt. Mein Gewissen tadelte mich das sei Diebstahl, weil es nichts zu essen war. Ich ignorierte es genau wie den Hunger und rannte so schnell ich konnte aus dem Laden.

Draußen im Sonnenschein zog ich es wieder hervor. Ich musste es einfach erneut betrachten. Doch trotz seiner atemberaubendem Schönheit nagten jetzt ernsthafte Zweifel an mir, ob ich es nicht besser zurück bringen sollte. Ich konnte ja immerhin auch so schon in der Bibliothek schreiben und meine Geschichten waren viel zu schlecht für solch ein teures Buch.

Ich drehte mich gerade um und wollte wieder hinein laufen, da baute sich ein Riese vor mir auf und hielt mich an der Schulter fest. Seine Finger bohrten sich schmerzhaft in mich rein. Ich schrie auf und ließ das Buch und den Stift fallen.

“Hab ich dich erwischt, du mieser, kleiner Ladendieb. Na warte, du wirst schon noch sehen, was du davon hast!”

Und das tat ich. Sie steckten mich in ein Haus, das sie Besserungsanstalt nannten und das viel schlimmer war als das Waisenhaus. Hier gab es vergitterte Fenster und ich durfte nur ein Mal am Tag raus. Wenn das überhaupt raus war überall waren hohe Mauern und ich war nie alleine. Immer war einer da, der kuckte, dass ich nichts böses machte und wenn er dachte, das ich mich besser bessern müsste, dann schlug er mich. Ich saß oft stundenlang weinend auf dem Zimmer, das ich mir mit vier anderen teilte, aber keiner wollte etwas mit mir zu tun haben. Ich war ein Außenseiter, selbst hier. Eines Tages fand ich einen Bleistiftstummel, den jemand weggeworfen hatte. Es schien ein Geschenk des Himmels zu sein. Sofort steckte ich ihn ein.

“Das ist Diebstahl! Du bist ein böser Junge!” flüsterte mir die Stimme eines Wärters ins Ohr. Ich fuhr geduckt herum, doch da war gar keiner.

“Nein, es ist kein Diebstahl. Das war weggeworfen.” versuchte ich mich zu beruhigen.

Am Nachmittag musste ich immer in der Küche helfen. Sie nannten das “erzieherische Maßnahmen” und es bestand zum großen Teil aus Gemüse schälen, schneiden und putzen. Viele der Gemüse wurden in braunen Papiertüten gebracht. Ein anderer Junge hatte die Aufgabe sie auszupacken, auf den richtigen Haufen zu sortieren und die leeren Papiertüten anschließend zusammen zu falten und in eine separate Kiste zu tun. Sie nannten diese Kiste Recycling, doch das interessierte mich nicht. Was mich aber interessierte, war der Inhalt der Kiste: Papier!

Mit ihm und meinem Bleistift konnte ich schreiben! Und durch schreiben konnte ich dieser Welt entkommen. Dann war ich nicht mehr hier, sondern in der Geschichte drin, die ich gerade schrieb.

Mein Herz hüpfte bei dem Gedanken daran und für einen Augenblick sehnte ich mich in die Bibliothek zurück. Dann klatschte eine Hand auf meinen Hinterkopf. Das war die Erziehung.

“Heda! Du sollst Möhren putzen und Bohnen schneiden und nicht träumen!”

Ich putzte die Möhren unter den strengen Augen einer Aufseherin, während mir eiskaltes Wasser über die Hände lief, bis sie ganz taub waren, aber mir ging das Papier einfach nicht aus dem Kopf.

Nach einer schier endlosen Zeit, die mir wie Tage vorkam, ertönte endlich die Glocke, die das Ende der Schicht bedeutete. Jetzt gab es das Abendessen, das hier zubereitet worden war.

Ich ging mit den anderen hinaus. Der Weg führte an der Recyclingbox vorbei. Wie aus Reflex – wie früher als ich noch frei war -ergriff ich ein paar der Papiertüten und steckte sie unter mein verschwitztes, dreckiges T-Shirt.

Einen Moment lang zog sich mein Magen zusammen, weil ich befürchtete erwischt zu werden, doch es geschah nichts. Niemand schlug mich für die Tat oder sperrte mich in das gefürchtete Dunkelzimmer.

Ich hatte es geschafft! Ich hatte Papier und einen Stift! Eine Träne lief mir aus dem Augenwinkel.

“Jungen weinen nicht, Du Schwuchtel!”

Einer der Großen knallte mir eine ins Gesicht, danach grub sich seine Faust in meinen Magen. Die Papiertüten fielen zu Boden. Für eine Sekunde sahen wir uns nur an, dann zeigte der Junge mit dem Finger auf mich und schrie: “Dieb! Dieb! Hier ist ein Dieb!”

Sofort kamen zwei Wärter angelaufen und ich dachte: “Oh nein, jetzt ist es aus. Jetzt stecken sie mich in das Dunkelzimmer und ade du schöne Welt.”

Doch die Wärter wussten gar nicht was passiert sein sollte und als der Junge auf die Papiertüten zeigte, schüttelten sie nur den Kopf: “Das ist Abfall, Knirbs. Wag es nicht noch einmal wegen Müll so einen Radau zu veranstalten!”, und er kassierte eine schallende Ohrfeige. Sein Blick ließ keinen Zweifel daran, dass er mich dafür verantwortlich machte.

Als die Wärter weg waren, zertrampelte er die Papiertüten zu Fetzen.

“Räum deinen scheiß Müll weg.” schrie er mich an und rammte mir den Ellbogen in die Seite. Aber das war nicht so schlimm, denn jetzt wusste ich, dass ich so viele Papiertüten haben konnte wie ich wollte.

Ich hatte mich noch nie so auf den Küchendienst gefreut wie am nächsten Tag. Nach der Schicht nahm ich einen ganzen Stapel der alten Papiertüten mit auf mein Zimmer.

Und dort schrieb ich. Zwar glotzten die anderen, aber das war mir egal. Sie ließen mich in Ruhe.

Ich schrieb fast die ganze Nacht durch ohne es wirklich zu merken. Wenn ich die Schritte des Wärters hörte, hielt ich inne und lauschte bis er vorbei war, dann schrieb ich weiter. So ging das Nacht für Nacht und wenn alle Papiertüten voll geschrieben waren, holte ich mir neue.

Ich schrieb ungefähr zwei oder vielleicht waren es sogar drei Dutzend Geschichten. Die Papiertüten hatte ich alle sorgsam unter der Matratze verstaut.

Dann eines Morgens schlug es wie immer hart gegen die Tür und sie wurde aufgeschlossen. Was als nächstes passierte war jedoch ungewöhnlich: Der Wächter kam zu uns ins Zimmer.

Die anderen waren schon wach und standen vor den Betten. Ich jedoch lag schlafend mit dem Kopf auf unzähligen Papiertüten.

“He aufwachen!“, er schüttelte mich, „Was hast du denn da? Zeig mal her!”

Ich schreckte sofort hoch, wühlte das Papier zusammen und presste es an meine Brust, als sei es ein Schutzpanzer, der mich vor der nachfolgenden Bestrafung bewahren würde. Ich zog den Kopf zwischen die Schulter und all meinen Mut zusammen nehmend sagte ich: „Das gehört mir.“

Dann geschah noch etwas unerwartetes. Der Wärter lächelte: “Darf ich es lesen?”

Ich brauchte einen Moment doch dann durchschaute ich seinen Plan. So wollte er mir meine Geschichte wegnehmen. Ich schüttelte trotzig den Kopf und wartete auf die Ohrfeige, doch es kam keine, stattdessen antwortete er: “Du kannst die Blätter auch festhalten, während ich lese.”

Ich verstand die Welt nicht mehr. Wieso sollte sich ein Wärter für etwas interessieren, das ein Waisenjunge – noch dazu ein böser – wie ich geschrieben hatte? Doch schließlich gab ich nach und murmelte: “Sie ist noch nicht fertig.”

Er nickte: “Das ist meist so”, und fing an stumm und konzentriert zu lesen.

Als er am Ende angekommen war, nickte er abermals: “Das ist gut. Vor allem das mit dem Hund.”

Ich musste mich verhört haben. So etwas hatte noch nie jemand zu mir gesagt. Und sein nächster Satz ließ mich davon überzeugt sein, dass ich in Wirklichkeit noch schlief: “Ich könnte die Geschichte meinen Bruder zeigen, wenn Du magst. Der arbeitet bei der Zeitung. Hast du noch mehr?”

Ich nickte wie von Fäden gesteuert.

Heute weiß ich, dass ich nicht geträumt habe auch wenn es mir immer noch traumartig vorkommt, denn ich schreibe dies gerade an einem Tisch in den Räumen der Zeitung, wie vieles zuvor. Sie nennen mich den Papiertütenjungen, aber sie sagen es nett und ob Sie es mir glauben oder nicht ich schreibe diese Geschichte in ein ledergebundenes Buch mit einem Stift, der für mich wie ein Zauberstab aussieht und aus dem Woche für Woche neue Geschichten purzeln.

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