Widerstand

Völlig außer Atem schmeiße ich mich hinter die nächste Hausecke und versuche so gut es geht mit den Schatten zu verschmelzen.
“ID 46577GX13 muss hier irgendwo sein! Wir haben sein Signal auf dem Screen. Sucht ihn!” brüllt eine blecherne, autoritäre Stimme nicht weit entfernt.
Verdammt ich habe vergessen den Kälteschild meines Mantels einzuschalten! Mit ungeschickten Fingern taste ich nach dem Druckknopf am Unterarm. Gerade noch rechtzeitig kühlen die Pads die unmittelbare Umgebung meines Körpers auf 10 Grad ab, die Kapuze verdeckt fast meinen gesamten Kopf.

Ich versuche mich krampfhaft zu beruhigen, den Atem zu verlangsamen.

Kaum hörbar surrt die INFECT Drohne heran, bleibt an der Hausecke stehen, scannt routiniert die Umgebung („Sie wird mich bemerken. Das kann nicht klappen.“) und fliegt an mir vorbei. Ihre Wärmebildkamera und akkustischen Sensoren tasten weiter im Dunkeln umher. Den Stimmen und Schritten nach zu urteilen wird sie von etwa 10 Polizisten begleitet.

„Wooo steckst Du?“ singt eine raue Whisky-Stimme unmittelbar links von mir und ich unterdrücke einen Schrei. Wenn sie nicht bald verschwinden wird meine Körpertemperatur langsam in einen kritischen Bereich absinken.

Der Polizist stapft weiter. Im flackernden Lichtkegel einer paar Meter weit entfernten Straßenlaterne kann ich seine Pistole schwarz schimmern sehen, als würde sie mir zuzwinkern „Wir sehen uns noch!“

Ich nehme all meinen Mut zusammen, presse mich noch fester an die kalte, nasse Wand und fliehe geduckt tiefer in die Dunkelheit der Gasse. Kopfsteinpflaster und Wind.

Umso mehr Dunkelheit mich umhüllt, desto schneller renne ich , doch irgendwann streikt mein Körper mit stechenden Lungen und vor Kälte fast steif gefroren und ich bediene den kleinen Knopf der die Kälte PADs in Wärme PADs verwandelt.

Hoffnung keimt in mir auf. Habe ich geschafft sie abzuhängen?

Mit quietschenden Reifen hält ein Auto hinter mir und lässt mir das Blut in den Adern gefrieren. Ich fühle mich wie das paralysierte Kaninchen im Kegel der Scheinwerfer eines heranrasenden Lastwagens. Alle Muskeln meines Körpers krampfen sich zu einem unbeweglichen Klumpen zusammen.

Eine behandschuhte Hand reißt mich an der Schulter herum und das Letzte, was ich sehe, ist mein von Angst erfüllter Blick, der sich in einem silbernen Helmvisier spiegelt. „Altmodische Videoüberwachung“ höre ich ihn noch lachen, bevor ich bewusstlos zusammensacke.

***

Zur selben Zeit ein paar Straßen weiter in einer verlassenen Lagerhalle. Ein Laptop auf staubigem Steinboden. Nervös streicht sich Ronja eine rote Strähne aus dem Gesicht.
“Komm schon! Mach schon!”
Sie wartet bis sich der Computer durch die Innereien eines internen Regierungsnetzwerks gehackt, den Datenbankserver identifiziert und ihn mit Hilfe eines Remote-Exploits zum Ausführen eines SQL-Befehls überredet hat. Das alles scheint Stunden zu dauern, besonders, wenn man ständig Sirenen hört und Gefahr läuft von der Anomalie Detection Software einer INFECT Drohne entdeckt zu werden.
Draußen fährt ein Fahrzeug vorüber. Ronja beißt sich auf die Unterlippe, dann endlich blinkende Buchstaben auf dem Bildschirm: “All databases erased.”
Als Andenken legt sie eine Anstecknadel mit einer weißen Friedenstaube auf die Tastatur.
“Die ist für euch!”
Kusshand und weg.

***

Ich schmecke Kupfer, als ich wieder zu mir komme und zwei nette Herren mich wie einen leblosen Sack hinter sich her schleifen. Sie schmeißen mich auf einen Holzstuhl vor einem Tisch in einem kahlen, kalten Raum.

“ID 46577GX13. Sie wissen, dass wir alles über sie wissen. Es lohnt sich nicht irgendetwas zu leugnen.”
Die Videokamera im Verhörraum drei schnurrt zufrieden und siegessicher.

Ich lecke mir über die rauen Lippen und erwidere mit krächzender, Stimme: “Ich heiße Alex Schröder und wenn sie alles wissen, dann wissen sie ja auch, dass ich unschuldig bin!”

“Herr Schröööder”, sagt der Polizist sichtlich amüsiert und sich seiner Machtposition erfreuend, ein dicken Ordner knallt auf den Tisch, “ich hätte hier eine kleine Auflistung ihrer Verbrechen der letzten Jahre anzubieten. Wie sie unschwer erkennen können, kann man solch eine Akte nicht unschuldig nennen.”
Er blättert ein paar Seiten um.

“ID 46577GX13… Sie haben ganze Arbeit geleistet. Illegale Versammlungen und Demonstrationen, Volksverhetzung, mutwillige Zerstörung staatlicher IT-Infrastruktur, mehrere Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz, Urheberrechtsverletzungen, Einsatz illegaler Softwareprodukte… Sie sind sogar der Anführer einer Widerstandszelle.”, sagt er, während er die Akte zuklappt und von sich wegschiebt, “Wenn es nach mir ginge, würden wir sie einfach ins Gefängnis werfen und warten bis sie darin verrotten.”
Ich kann den Hass in seinen Augen lodern sehen wie ein Hexenfeuer.
“Aber ihre Freunde hier”, er deutet mit der Hand auf die zwei Polizisten, die hinter mir stehen, “meinen das ich ihnen einen Deal vorschlagen sollte.”
Ich spucke Blut vor mir auf den Tisch: „Du begreifst gar nichts. Wir haben keine Führer und…“ weiter komme ich nicht, denn ein Taser lässt mich erneut in die Bewusstlosigkeit zucken.

***

Ein paar Straßen weiter fliegt ein schwarzer Helikopter auf ein Lagerhaus zu, sein Scheinwerfer sucht die Umgebung ab, während am Boden zwei Einheiten das Gebäude stürmen.

“Hier Einheit Delta. Verdächtiges Objekt lokalisiert.” rauscht es per Digitalfunk verschlüsselt durch die Luft. Man sieht einen Polizisten in schwarzer Kampfausrüstung wie er den Laptop aufhebt.
„Unsere digitale Spurensicherung wird euch schon kriegen, ihr scheiß Bastarde!“

***

Ich liege mit dröhnenden Kopfschmerzen auf dem Boden. Irgendwelche Krabbelviecher leisten mir Gesellschaft. „Hoffentlich haben sie Ronja nicht auch…“ formt sich ein Gedanke und wird abrupt durch ein lautes, metallisches Krrrrlank-Geräusch verschluckt.
Verwirrt hebe ich den Kopf. Das Bild einer nur einen Spalt weit geöffneten Tür schimmert in wabernden Bildern auf mich zu, verschwimmt…
Das kann nicht sein.
Mit schmerzenden Gelenken ziehe ich mich an der Wand hoch und stolpere ein paar Schritte auf die Tür zu, immer damit rechnend, dass sie jeden Moment ganz aufgerissen wird und wieder zwei Uniformierte mit Tasern und Gummiknüppel in meine Zelle stürmen, doch nichts dergleichen geschieht.
„Vielleicht ist es ein Stromausfall?“, meine Hand ergreift den kalten, dicken Stahl der Tür, „Oder jemand hat sich in das Sicherheitssystem des Gefängnisses gehackt?“
Unermüdlich sucht mein Verstand nach einer Erklärung selbst als ich mich schon durch den Spalt gezwängt und mit nackten Füßen den ganzen Gang entlang gelaufen bin.
„Wieso ist hier niemand?“, Ich versuche vorsichtig ein paar Türen zu öffnen, doch kein anderer Knauf lässt sich bewegen, „Kein Stromausfall.“ schlussfolgere ich und suche nach den Videokameras.

***

Zwei Gebäude weiter in einem Rauch geschwängertem Raum. Es klopft kaum hörbar gegen die massive Eichenholztür. Der Gefängnischef lässt raschelnd seine Zeitung sinken: “Ja?”, woraufhin ein junger Beamter vorsichtig seinen Kopf durch den Türspalt steckt, als würde er eine Guillotine erwarten: “Unsere Überwachungskameras melden, dass ID 46577GX13 versucht durch Sektor 7G zu entkommen.”
Der stämmige Mann hinter dem ebenso stämmigen Schreibtisch, zieht knurrend an seiner Zigarre: „Ist er gechipt worden?“
Der Beamte nickt.
“Gut. Dann läuft ja alles nach Plan.”

***

Erleichtert blinzle ich in das Sonnenlicht. Ein abschätzender Blick nach links und rechts. Links nichts als Sand, Felsen und Kakteen im Sonnenuntergang, rechts zwei Beamte mit Gewehren, die munter miteinander plaudern. Ich atme aus, ducke mich hinter die geparkten Autos und flüchte, mein Glück immer noch nicht fassend, durch den warmen Sand.

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von www.smartstorys.at

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